7. Anaxagoras - ein Vorsokratiker
Ein anderer Philosoph, der sich nicht damit zufriedengeben
wollte, daß ein bestimmter Urstoff - Wasser zum Beispiel - zu
allem, was wir in der Natur sehen, umgeformt werden kann, war
Anaxagoras (499-428 v. Chr.). Er akzeptierte auch nicht die Vor-
stellung, dass Erde, Luft, Feuer oder Wasser zu Blut oder Knochen,
Haut oder Haaren werden.
Anaxagoras meinte, die Natur sei aus vielen winzigen Teilen
zusammengesetzt, die mit dem Auge nicht wahrgenommen
werden können. Alles lässt sich in noch kleinere Teile teilen, aber
selbst in den kleinsten Teilen steckt etwas von allem. Wenn Haut
und Haare nicht aus etwas anderem entstehen können, dann
muss es auch in der Milch, die wir trinken, und in den Speisen,
die wir essen, Haut und Haare geben, meinte er.
Zwei moderne Beispiele weisen vielleicht auf das hin, was
Anaxagoras sich vorgestellt hat. Mit der heutigen Lasertechnik
können wir sogenannte »Hologramme« erstellen. Wenn ein Ho-
logramm zum Beispiel ein Auto darstellt, und dieses Hologramm
dann zerstört wird, werden wir immer noch das Bild des ganzen
Autos sehen, selbst wenn wir nur noch das Hologrammstück
haben, das vorher den Stoßdämpfer zeigte. Das liegt daran, dass
das ganze Motiv in jedem winzigsten Teilchen vorkommt.
Im Grunde ist auch unser Körper so aufgebaut. Wenn ich eine
Hautzelle von meinem Finger abkratze, enthält der Zellkern
nicht nur die Beschreibung meiner Haut. In derselben Zelle liegt
auch die Beschreibung meiner Augen, meiner Haarfarbe, von
Anzahl und Aussehen meiner Finger und so weiter. In jeder
einzelnen Körperzelle gibt es eine ausführliche Beschreibung des
Aufbaus aller anderen Zellen in meinem Körper. In jeder einzelnen
Zelle gibt es also »etwas von allem«. Die Ganzheit findet sich im
kleinsten Teilchen.
Anaxagoras nannte diese kleinsten Teilchen, die etwas von allem
in sich tragen, »Samen« oder »Keime«. Wir erinnern uns, dass
Empedokles meinte, die Liebe füge die Teile zu ganzen Körpern
zusammen. Auch Anaxagoras stellte sich eine Art Kraft vor, die
sozusagen für Ordnung sorgt und Menschen, Tiere, Blumen und
Bäume schafft. Diese Kraft nannte er Geist.
Anaxagoras ist außerdem interessant, weil er der erste Philosoph
in Athen war, von dessen Leben uns etwas bekannt ist. Er kam aus
Kleinasien, zog aber mit etwa vierzig Jahren nach Athen. Hier
wurde er wegen Gottlosigkeit angeklagt und musste die Stadt
wieder verlassen. Unter anderem hatte er behauptet, die Sonne
sei kein Gott, sondern eine glühende Masse, größer als die
Halbinsel Peloponnes.
Anaxagoras interessierte sich überhaupt sehr für Astronomie.
Er glaubte, alle Himmelskörper seien aus demselben Stoff
gemacht wie die Erde. Diese Überzeugung kam ihm, nachdem er
einen Meteoriten untersucht hatte. Deshalb sei es auch
vorstellbar, dass auf anderen Planeten Menschen wohnten,
meinte er. Er erklärte außerdem, dass der Mond nicht von selber
leuchte, sondern sein Licht von der Erde übernehme. Und
schließlich erklärte er die Entstehung von Sonnenfinsternissen.